
Aktivieren statt beschäftigen: Der Kreativraum als Herzstück des Pflegealltags
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Betreuungsassistentin Heidi Girod macht den Kreativraum der Hauptstadtpflege Wenckebach Kurzzeitpflege mit viel Herzblut und kreativen Ideen zum Ort der Begegnung.

Wer den Kreativraum in der Wenckebach Kurzzeitpflege betritt, spürt sofort: Hier passiert etwas. Bunte Holzhäuser, selbst gebastelte Blumen aus Kronkorken, Landschaften aus Sand und Ästen und mittendrin eine Frau, die mit wachem Blick und einem einladenden Lächeln den Raum zu füllen scheint. Heidi Girod, 61, ist Betreuungsassistentin und geht in ihrem Job voll auf.
„Das kommt direkt aus dem Herzen bei mir“, sagt sie selbst. Seit 2016 arbeitet sie in der Betreuung älterer Menschen, seit fünf Jahren in der Wenckebach Kurzzeitpflege. Privat ist sie Mutter von vier Kindern und Oma von neun Enkelkindern. Dass sie weiß, wie man Menschen zusammenbringt, merkt man ihr an.
Eine andere Welt: Die Kurzzeitpflege
Die Gäste bleiben in der Kurzzeitpflege oft nur ein bis zwei Wochen, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt oder zur Entlastung pflegender Angehöriger. Für Heidi Girod bedeutet das: Sie hat wenig Zeit und muss schnell eine Verbindung aufbauen. Passend dazu entstand auch der Teambaum. Er erleichtert Gästen und Angehörigen die Orientierung und lädt dazu ein, die Menschen hinter dem Team kennenzulernen. Zugleich zeigt er die Vielfalt der Mitarbeitenden im Haus.
Zu Heidi Girods Aufgaben bei der Aufnahme neuer Gäste zählt ebenfalls die Biografiearbeit. Was hat jemand früher gerne gemacht? Ist er handwerklich? Hat sie Freude an Musik? „Ich schaue, wer der Mensch ist. Nicht nur, welche Diagnose er hat“, sagt sie. Diese Informationen teilt sie mit dem ganzen Team, damit jede Begegnung mit dem Gast von Anfang an auf ihn zugeschnitten ist.
Regelmäßig bietet sie spontan Bastelstunden an. „Die Leute merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Das ist für mich das schönste Zeichen, dass es passt“, erklärt sie.
Fördern und Fordern mit Fingerspitzengefühl
Heidi Girod beschreibt sich selbst als „fordernden“ Menschen und meint das ausdrücklich positiv. Sie liest nicht einfach vor, sie macht keine langweiligen Rätsel. Stattdessen denkt sie jede Beschäftigung neu, stimmt sie auf die Gruppe ab und sucht immer nach dem Funken, der bei jedem Einzelnen zündet.
Montags gibt es Denksport, um nach dem Wochenende wieder in Schwung zu kommen. Mittwochs sind Tischspiele und Erzählrunden dran: Heidi gibt ein Thema vor, zum Beispiel „Schule von früher“, und moderiert behutsam. Mal jemanden bremsen, der zu sehr dominiert, mal jemanden aus der Reserve locken, der sich kaum traut zu sprechen. „Man muss das Gespräch immer fein steuern“, sagt sie. „Das ist eine Kunst für sich.“
Das Basteln hat sie bewusst aus dem starren Wochenplan herausgenommen. Früher war es jeden Freitag fest eingeplant, doch mit bis zu 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde die Runde unüberschaubar. Heute macht sie es mindestens zwei Mal die Woche in kleinen Gruppen von maximal fünf Personen, manchmal ganz spontan. „So kann ich wirklich jeden behutsam anleiten“, sagt sie.
Kreativität ohne Leistungsdruck
Heidi Girod hat eine klare Meinung zu klassischen Bastelmaterialien: „Pinsel und Stifte finde ich manchmal zu banal.“ In ihrem Kreativraum wird mit Gabeln gemalt, mit Schwämmen gedruckt, mit Spülbürsten gewischt. Das erzeugt Strukturen, die kein Pinsel nachmachen kann und es nimmt den Druck, „schön“ oder „richtig“ zeichnen zu müssen. „Jeder Fehler ist eigentlich nur eine neue Gestaltungsmöglichkeit“, sagt sie und lacht.
Auch ihre Themen sind alles andere als von der Stange. Statt schlicht Ostereier zu bemalen, werden sie getaucht oder zu ganz neuen Dekorationen verarbeitet. Ihr ganzer Stolz ist das sogenannte Jahreszeitendorf: Kleine Holzhäuser, von den Gästen mit Bastelmasse ummantelt, mit Steinen, Ästen und Naturmaterialien verziert. Im Sommer stehen Leuchttürme und Sandstrände im Wohnbereich, im Winter Watte und Glitzer. Das Dorf wächst mit der Zeit und hilft den Gästen, die Jahreszeiten bewusst zu erleben.
Die Ideen dafür? „Die sprießen mir einfach so aus dem Kopf“, sagt sie und zuckt dabei fast entschuldigend mit den Schultern. Auf dem Flohmarkt sieht sie einen alten Gegenstand und denkt sofort: Was könnte man daraus machen? „Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt.“
Ein Moment, der bleibt
Unter all den Begegnungen gibt es eine, die Heidi Girod besonders bewegt hat. Eine Frau mit starkem Parkinson-Tremor kam in ihre Gruppe, überzeugt, nie wieder einen Stift führen zu können. Heidi Girod setzte sich neben sie, legte ihre Hand sanft auf die Zitternde und sorgte so für die nötige Ruhe. Gemalt hat die Frau selbst.
„Ich habe nicht für sie gemalt. Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie es selbst kann.“ Als die Frau später wiederkam, sagte sie: „Heidi, ich komme nur wegen dir zurück.“
Solche Momente sind es, für die Heidi Girod diesen Beruf liebt. In ihrem Kreativraum, sagt sie, gelte eine einfache Regel: „Auf dieser Welt gibt es schon genug Ernsthaftigkeit. Bei mir darf gelacht werden.“ Und am Ende zählt nur eines: dass die Gäste mit einem Lächeln rausgehen.