
Wie Ergotherapie den Alltag belebt
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Was bewegt Menschen im Alter wirklich? Ergotherapeutin Merle Böge erklärt, warum die eigene Biografie der Schlüssel zu einem erfüllten Alltag ist und wie kleine Aufgaben neues Selbstvertrauen schenken.
Aktivierende Betreuung: Mehr Lebensqualität durch gezielte Förderung
Die aktivierende Betreuung ist ein wesentlicher Bestandteil der ganzheitlichen Versorgung in unseren Pflegeeinrichtungen. Sie zielt darauf ab, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten, individuelle Ressourcen zu fördern und Menschen in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen.
Genau hier setzen spezialisierte Fachkräfte an, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung die tägliche Arbeit in unseren Teams sinnvoll ergänzen und unterstützen. Ein besonders spannender Blick auf diesen Ansatz zeigt sich im Interview mit Ergotherapeutin Merle Böge, die über Biografiearbeit, sinnvolle Betätigung und Generationenkontakte spricht und deutlich macht, wie ältere Menschen dadurch neues Selbstvertrauen gewinnen können.
Ein Interview mit Merle Böge, Ergotherapeutin (M.Sc.)

Woran erkennen Sie, welche Aktivitäten zu einem Menschen passen?
Die Biografie spielt eine wichtige Rolle bei der Auswahl von Aktivitäten. Sie gibt Hinweise auf Interessen und soziale Rollen eines Menschen. Gleichzeitig müssen die aktuellen Fähigkeiten, mögliche Einschränkungen und die Tagesform berücksichtigt werden. Die Betätigung soll weder überfordern noch unterfordern, sondern sich sinnvoll anfühlen. Manchmal ergeben sich Tätigkeiten auch ganz spontan: Vielleicht sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam im Außenbereich und eine ältere Person beginnt plötzlich, der Gärtnerin beim Fegen des Weges zu helfen, weil diese Betätigung Erinnerungen weckt.
Haben Sie ein Beispiel, bei dem eine einfache Betätigung viel bewirkt hat?
Ich kannte eine Bewohnerin, die sich eher zurückgezogen verhielt und sich in der Einrichtung nicht ganz wohlzufühlen schien. Auf dem Weg zum Speisesaal kam sie immer wieder an einer Topfpflanze vorbei, die schon etwas vertrocknet wirkte. Sie sagte öfter, dass sie das schade finde. Irgendwann bekam sie eine kleine Gießkanne, die sie in ihrem Rollator mit sich führte. Von da an kümmerte sie sich regelmäßig um die Pflanze. Mit der Zeit erholte sich die Pflanze sichtbar und die Bewohnerin blühte in übertragenem Sinne etwas auf. Sie kam vermehrt mit Mitarbeitenden und anderen Bewohnenden ins Gespräch und fand so eine kleine, sinnvolle Aufgabe für sich.
Welche besondere Wirkung haben Kontakte zu jüngeren Generationen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kontakte zu jüngeren Generationen für Senior*innen eine besondere Bedeutung haben. Immer mal wieder entstehen schöne Begegnungen, von denen beide Seiten profitieren. Ältere Menschen geben Lebenserfahrung und Geschichten weiter, während jüngere Menschen neue Perspektiven und Leichtigkeit in den Alltag bringen. Solche positiven Auswirkungen zeigen sich zum Beispiel bei Kooperationen von Pflegeeinrichtungen mit Kindergärten oder Schulen, bei denen sich Jung und Alt in gemeinsamen Projekten begegnen. Auch der Besuch von Enkelkindern oder Urenkeln ist für viele Senior*innen mit Freude verbunden.
Warum können sich Menschen mit Demenz bei gemeinsamen Aktivitäten oft wieder stärker einbringen?
Menschen mit Demenz profitieren von Aktivitäten in Gruppen, weil dabei ihre vorhandenen Fähigkeiten angesprochen werden. Tief verankerte Erfahrungen, Gewohnheiten und automatisierte Abläufe bleiben meist etwas länger erhalten. So können sich Menschen mit Demenz beispielsweise beim Schälen von Kartoffeln oder beim Mitsingen vertrauter Lieder einbringen, obwohl das Gedächtnis bereits nachlässt. Hervorzuheben ist auch, dass Menschen die Fähigkeit behalten, Stimmungen wahrzunehmen und Gefühle zu empfinden. So kann auch „dabei sein“ als positiv empfunden werden.
Viele ältere Menschen trauen sich nicht mehr, neue Kontakte zu knüpfen. Was sind die größten Hürden?
Es gibt Menschen, die aus Unsicherheiten, wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder fehlender Gelegenheiten weniger Kontakte knüpfen. Unterstützend wirken verlässliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel Gruppenangebote in der Ergotherapie. Durch regelmäßige Treffen, klare Strukturen und gemeinsame Aktivitäten kann Schritt für Schritt ein Gemeinschaftsgefühl entstehen. Wichtig ist mir dabei vor allem positive Bestärkung.